Liturgische Farben: Von der Schönheit des Glaubens - Austellungseröffnung in Wiepersdorf

Liturgische Farben: Von der Schönheit des Glaubens - Austellungseröffnung in Wiepersdorf

Liturgische Farben: Von der Schönheit des Glaubens - Austellungseröffnung in Wiepersdorf

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Liturgische Farben: Von der Schönheit des Glaubens - Austellungseröffnung in Wiepersdorf

Am 31. Mai wurde in der Kirche in Wiepersdorf die wunderbare Ausstellung von Natalie Fellhauer eröffnet: Liturgische Farben - von der Schönheit des Glaubens. 

Es war ein Tag bunten Treibens, mit dem Frühlingsfest des Schlosses Wiepersdorf nebenan und einem Workshop rund um liturgische Farben, an dem Menschen miteinander Kreise gezogen, miteinander verbunden, ausgefüllt und gemalt haben. In Ergänzung und Zusammenarbeit miteinander. 

Mit einer Andacht von Pfarrerin Johanna Moser wurde die Ausstellung eröffnet, in der auch die Künstlerin und ihre Hintergrundgedanken von Gemeindediakonin Christina Kampf vorgestellt wurden. 

Die Andacht bezog sich auf die Worte aus Prediger 3: Alles hat seine Zeit und ein jegliches Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde - passend zum Kirchenjahr und seinen Farben.

Sie ist hier nachzulesen:

Liebe Gemeinde, liebe Gäste, liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde,

ich glaube, viele Menschen verbinden mit Kirche zuerst bestimmte Geräusche: Orgelklang. Glocken. Das Rascheln von Gesangbuchseiten. Vielleicht auch das leise Husten in den stillen Momenten.

Aber Kirche hat auch Farben. Und Kirche kann auch Farben. Und zwar viel mehr, als man auf den ersten Blick denkt.

Die meisten nehmen sie eher nebenbei wahr: das Tuch am Altar, die Stola der Pastorin oder des Pastors, die Gestaltung im Kirchenraum. Vielleicht die Fenster. Und doch erzählen diese Farben seit Jahrhunderten vom Glauben. Sie erzählen von Hoffnung, von Sehnsucht, von Freude, von Schmerz, von Leben. Und eigentlich ist das etwas sehr Menschliches. Denn wir sprechen ja ständig in Farben. Wir sagen: „Heute sieht die Welt grau aus.“ Wir sprechen von goldenen Zeiten, von einem grauen Novembertag. Wir reden von rosigen Aussichten, von einer Grünphase, davon, dass jemand rot sieht, oder schwarz, oder dass plötzlich wieder Licht ins Dunkel kommt. Farben tragen Erinnerungen. Stimmungen. Erfahrungen.

Alles hat seine Zeit und jegliches Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.

Diese Ausstellung passt daher so wunderbar in einen kirchlichen Raum. Denn auch der Glaube selbst lebt ja nicht nur von Begriffen oder Definitionen. Er lebt von Bildern, von Symbolen, von Geschichten, von Erfahrungen, die sich manchmal eher erspüren als eindeutig festhalten lassen.

Die Bilder dieser Ausstellung übersetzen liturgische Farben in eigene Bildräume. Sie illustrieren Glauben nicht einfach. Sie erzählen nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sie öffnen etwas, worin meiner Meinung eine große Stärke der Kunst liegt: Sie lädt ein, wahrzunehmen.

Nicht alles muss sofort entschlüsselt werden. Nicht jedes Bild verlangt eine eindeutige Antwort. Manches darf einfach wirken. Vielleicht ist das dem Glauben näher, als wir manchmal denken. Denn auch Gott entzieht sich oft den schnellen Festlegungen. Gott begegnet Menschen in Geschichten, in Bildern, im Licht, im Klang, in Erfahrungen, die größer sind als eine einzige Erklärung.

Alles hat seine Zeit. Und ein jegliches Vorhaben unter dem Himmel seine Stunde.

Ich glaube, dieser Satz wird mit den Jahren immer wahrer. Als junger Mensch denkt man oft: Es müsste doch irgendwann dieser Zustand kommen, in dem endlich alles irgendwie gleichzeitig stimmt. Man ist angekommen. Innerlich sortiert. Gelassen. Irgendwie fertiger.

Und dann merkt man: Das Leben bleibt beweglich. Denn unser Leben kennt unterschiedliche Zeiten und unterschiedliche Farben. Es gibt Zeiten des Aufbruchs. Zeiten voller Energie und Leichtigkeit. Momente, in denen etwas hell wird. Und es gibt die ruhigeren Zeiten. Zeiten der Sammlung. Des Nachdenkens. Des Suchens. Dann wieder Zeiten voller Lebendigkeit, Begeisterung, Nähe, Kraft. Und Zeiten des Wachsens, die oft ganz unspektakulär aussehen — und gerade darin kostbar sind. Und all das gehört zum Leben.

Die liturgischen Farben des Kirchenjahres nehmen all das auf. Da gibt es nicht nur Weiß — nicht nur Weihnachten und Ostern, nicht nur Glanz und Halleluja.

Es gibt auch Violett: Die Farbe der Vorbereitung, des Wartens und der inneren Sammlung. Warten gehört zum Menschsein. Reifen braucht Zeit. Tiefe entsteht langsam. Violett steht nicht für Stillstand, sondern für Aufmerksamkeit. Für das bewusste Wahrnehmen dessen, was werden möchte. Es sind oft gerade die leiseren Zeiten, in denen Menschen neu hören, neu sehen, neu verstehen.

Dann das Grün: Die langen Wochen im Jahreskreis. Die scheinbar unspektakulären Zeiten. Und ehrlich gesagt: Der größte Teil unseres Lebens ist grün. Alltag. Montagmorgen. Einkaufen. Arbeiten. Wäsche. Termine. Müde sein. Wieder aufstehen. Wie schön also, dass Glauben nicht nur in den außergewöhnlichen Momenten lebt. Sondern mitten im normalen Leben. Im Wiederkehrenden. Im Verlässlichen. In allem, was langsam wächst. Und vielleicht liegt darin eine besondere Schönheit: Grün erinnert daran, dass nicht alles blühen muss, um lebendig zu sein.

Und wie tröstlich ist eigentlich die Botschaft: Auch diese Zeiten sind geistliche Zeiten. Gott ist nicht nur im Besonderen. Nicht nur an Weihnachten. Nicht nur in den großen Momenten. Sondern mitten im Alltag. Vielleicht sogar besonders dort.

Und dann Rot: Die Farbe des Heiligen Geistes. Des Feuers. Der Leidenschaft. Der Liebe. Aber eben auch die Farbe des Blutes. Der Verletzlichkeit. Der Hingabe. Denn überall dort, wo Menschen wirklich lieben, machen sie sich verletzlich. Auch das blendet der Glaube nicht aus. Rot ist die Farbe der Bewegung, der Leidenschaft, der Begeisterung. Sie erinnert daran, dass Glauben nicht nur still und besinnlich ist, sondern auch lebendig, mutig, kraftvoll.

Und dann gibt es noch die Farbe rosa. Selten, aber sie kommt vor. Blitzt mal im Advent oder in der Passionszeit auf. Wie ein kleiner Hoffnungsblitz in der Zeit des Wartens. Rosa erinnert daran: Das Ziel kommt näher. Rosa erzählt von der Hoffnung, die schon mitten im Noch-nicht aufscheint.

Auch blau finden wir heute in der Ausstellung. Blau ist zwar keine offizielle liturgische Farbe des Kirchenjahres, wird aber vielerorts mit Maria verbunden. Seit Jahrhunderten wird sie in der Kunst im blauen Gewand dargestellt. Blau steht für den Himmel, für Weite, für Vertrauen und Treue. Es erinnert an die Menschen, die offen sind für Gottes Wirken. Maria selbst wird in den biblischen Geschichten nicht als starke Heldin beschrieben, sondern als eine Frau, die hört, fragt, vertraut und ihren Weg geht. Blau lädt also dazu ein, den Blick zu heben. Über das Naheliegende hinaus. Es erinnert an die Sehnsucht des Menschen nach Geborgenheit und an die Hoffnung, dass Gottes Himmel unser Leben berührt.

Und auch Schwarz gehört dazu: Die Farbe der Trauer. Des Abschieds. Der Klage. Sie erinnert an Karfreitag, an die Erfahrung von Verlust und Schmerz, an die dunklen Stunden des Lebens.

Schwarz macht deutlich: Auch das Schwere hat seinen Platz vor Gott. Auch das, was wir nicht verstehen. Auch das, was weh tut. Der Glaube kennt nicht nur Freude und Neubeginn. Er nimmt auch die Zeiten ernst, von denen der Prediger spricht: „weinen hat seine Zeit, klagen hat seine Zeit.“ 

Und schließlich Weiß: Die Farbe des Festes. Des Neubeginns. Der Auferstehung. Des Lichtes.

Weiß erinnert daran, dass es Momente gibt, in denen etwas aufleuchtet. Momente, in denen man spürt: Das Leben ist größer als das, was uns manchmal beschäftigt.

Aber interessant ist doch: Das Weiß des Kirchenjahres kommt nicht dauerhaft. Es bleibt nicht einfach immer Ostern. Das Leben kennt Wechsel. Und so bleibt keine Farbe für immer. Nicht die dunklen. Aber auch nicht die hellen. Alles wandelt sich. Und Gott geht mit.

Mich berührt an dieser Ausstellung besonders, dass die Bilder offenbar mit Schichtungen arbeiten, mit Übermalungen, mit Verdichtungen. Denn genauso erleben wir doch auch unser eigenes Leben. Nichts besteht nur aus einer einzigen Farbe. Wir tragen unterschiedliche Erfahrungen in uns. Erinnerungen. Aufbrüche. Veränderungen. Manches tritt deutlich hervor. Anderes bleibt eher verborgen. Manches verändert im Laufe der Zeit seinen Klang und seine Farbe. Und vielleicht macht gerade das ein Leben schön: Dass es Tiefe entwickelt. Dass etwas wachsen darf. Dass sich Dinge verwandeln.

Vielleicht ist unser Leben also weniger eine glatte Fläche und mehr ein Bild, das Schicht um Schicht entsteht.

Und das dürfte auch für den Glauben gelten.

Glaube ist selten etwas Fertiges. Er bleibt in Bewegung. Er verändert sich. Er bekommt neue Farben. Manches wird klarer. Manches geheimnisvoller. Manches entdeckt man erst mit der Zeit.

Und darin denke ich manchmal: Gott liebt offenbar keine glatten Oberflächen. Sonst hätte er uns vermutlich einfacher geschaffen. Stattdessen arbeitet Gott erstaunlich oft mit unvollkommenen Menschen, mit Umwegen, mit Neuanfängen, mit dem, was noch nicht fertig ist.

Und vielleicht können wir deshalb heute diese Bilder auch mit einer gewissen Gelassenheit anschauen. Nicht mit dem Druck: „Ich muss das jetzt verstehen.“ Sondern mit der Freiheit: „Ich darf etwas entdecken.“

Vielleicht spricht ein Bild Sie sofort an. Vielleicht irritiert eines. Vielleicht bleibt man gerade an dem hängen, das man zuerst gar nicht mochte. Denn: Glaube ist kein Besitz. Keine fertige Antwortsammlung. Glaube beginnt oft dort, wo Menschen aufmerksam werden. Für sich selbst. Für andere. Für das, was sie trägt. Glaube ist ein Weg des Sehens.

Insofern ist das heute eine schöne Einladung, mit offenen Augen zu schauen. Nicht nur auf die Bilder. Sondern auch auf das eigene Leben: Welche Farben prägen mich gerade? Was wächst? Was leuchtet? Was verändert sich?

Alles hat seine Zeit und ein jegliches Vorhaben unter dem Himmel seine Stunde.

Ein Lernen, die Farben des Lebens wahrzunehmen — und darin Gottes Gegenwart zu entdecken.

Im Leuchtenden. Im Zarten. Im Gebrochenen. Im Verborgenen. Und vielleicht gehen wir heute ja mit etwas offeneren Augen nach Hause. Aufmerksamer für die Farben in unserem eigenen Leben.

Für das, was gerade wächst. Für das, was Heilung braucht. Für das, was neu werden möchte.

Und vielleicht auch mit der leisen Ahnung: Dass Gott längst dabei ist, an unserem Leben zu malen. Schicht um Schicht. Amen.

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